Jagd im Wandel zwischen Funktion und innerem Maßstab
Gastbeitrag von Simone Lechner
Simone ist Akademische Jagdwirtin aus Südtirol, Jägerin, Falknerin und Gamspirschführerin. Ihre Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von jagdlicher Praxis, Ethik und Naturbildung. Als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Instituts De Pace Fidei an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen setzt sie sich intensiv mit Fragen der Ethik, der Verantwortung, des Dialogs und des Verhältnisses zwischen Mensch und Wildtier auseinander.

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Über Haltung, Maß und innere Orientierung
Veränderung vollzieht sich selten abrupt. Sie wirkt leise, schleichend und wird oft erst im Rückblick erkennbar. Auch die Jagd befindet sich in einem solchen Prozess. Der tiefgreifendste Wandel zeigt sich dabei nicht im Äußeren, sondern im Inneren, im Selbstverständnis der Jägerinnen und Jäger. Auf den ersten Blick scheint vieles vertraut geblieben zu sein. Reviere, Abläufe und rechtliche Rahmenbedingungen wirken stabil. Und doch haben sich die Bedingungen, unter denen Jagd heute stattfindet, grundlegend verändert. Technische Möglichkeiten, gesellschaftliche Beschleunigung, ein verändertes Naturverständnis und steigende Erwartungen von außen wirken längst auf das jagdliche Handeln ein. Nicht immer bewusst, aber spürbar.
Werte unter veränderten Bedingungen
Disziplin, Selbstbeschränkung und Ausdauer galten lange als selbstverständliche Bestandteile jagdlicher Praxis. Sie waren nicht nur jagdliche Tugenden, sondern Teil eines alltäglichen Lebensvollzugs. Heute entstehen diese Werte nicht mehr aus Notwendigkeit. Sie müssen bewusst gewählt und getragen werden. Gerade darin liegt ihre ethische Bedeutung. Werte, die nicht mehr selbstverständlich sind, verlangen innere Klarheit. Sie werden fragiler, aber auch ehrlicher. Wer Maß hält, wo er es nicht müsste, trifft eine Entscheidung, nicht aus äußerem Zwang, sondern aus innerer Haltung.
Jagd im Feld unterschiedlicher Positionen
Jagd ist eine Praxis, in der naturwissenschaftliche Erkenntnisse, rechtliche Rahmenbedingungen, soziale Erwartungen und persönliche Werte zusammenkommen. Wer meint, man könne sie rein objektiv-wissenschaftlich betreiben, verkennt ihre Natur. Umgekehrt gilt ebenso: Wer die wissenschaftliche Fundierung ignoriert, macht es sich zu leicht. In ihrer Diplomarbeit zu umweltethischen Positionen im Wildtiermanagement zeigt Judith Sitzmann, dass alle Akteure in einer bestimmten Beziehung zum Raum, zu wild lebenden Tieren und zum sozialen Umfeld stehen. Für Landwirte, Forstleute, Naturschützer, Anwohner oder Jägerinnen und Jäger sind diese Beziehungen jeweils unterschiedlich. Oft auch unbewusst weisen die Akteure dem Menschen und den Elementen der Natur einen Wert zu oder eben nicht. Mit dem Wert können bestimmte Rechte verbunden sein, sodass für die Akteure dadurch Pflichten entstehen. Hier wird deutlich: Innere Orientierung wirkt sich auch auf die Handlungen und damit auf andere Menschen oder die Elemente der Natur aus.
Sie entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern im Spannungsfeld legitimer, teils widersprüchlicher ethischer Perspektiven. Die zentrale Frage lautet daher nicht nur: Welche Haltung habe ich? Sondern auch: Wie positioniere ich mich in diesem Feld und wie begegne ich anderen Positionen mit Respekt, ohne die eigene aufzugeben? Haltung zeigt sich nicht zuletzt darin, wie man mit Vielstimmigkeit umgeht. Ob man Differenz aushält oder sie vorschnell glättet. Ob man bereit ist zuzuhören, ohne beliebig zu werden. Diese Offenheit nach außen setzt allerdings Klarheit nach innen voraus.
Jagd zwischen Funktion und Verantwortung
Im berufsjagdlichen Alltag stehen Planung, gesetzliche Vorgaben und funktionale Anforderungen im Vordergrund. Das ist notwendig und unverzichtbar, zugleich besteht die Gefahr, dass Jagd sich auf Erfüllung reduziert, auf Zielzahlen, priorisierte Arten und verwertbare Kategorien. Viele Berufsjägerinnen und Berufsjäger sind sich dabei sehr bewusst, dass ihr Handeln auch eine Vorbildfunktion für die gesamte Jägerschaft trägt und Orientierung geben kann. Denn Jagd ist mehr als Funktion, sie ist immer ein Eingriff in ein lebendiges System. Verantwortung beginnt dort, wo Entscheidungen nicht nur korrekt, sondern begründet getroffen werden. Wo der Blick über das unmittelbar Zweckmäßige hinausgeht und auch jene Aspekte mitbedacht werden, die sich nicht vollständig rechtlich oder ökonomisch erfassen lassen.
Die grundsätzliche Frage
Manche stellen heute grundsätzlicher infrage, ob Jagd überhaupt noch zeitgemäß sei. Ob sich der Eingriff rechtfertigen lasse, wo Natur doch auch ohne menschliche Regulation funktioniert. Diese Frage lässt sich nicht abweisen, indem man auf Wildschäden oder Seuchenprävention verweist. Sie zielt tiefer, auf die Rolle des Menschen im Naturgefüge. Eine ehrliche Antwort kann daher nicht allein funktional sein. Sie muss anerkennen, dass Jagd immer auch Aneignung ist, von Leben, von Raum, von Deutungshoheit darüber, was als richtig gilt. Wer jagt, muss diese Aneignung tragen können. Nicht rechtfertigen im Sinne von beweisen, sondern tragen im Sinne von verantworten.
Innere Orientierung statt äußerer Spiegelung
Der Jäger von heute bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen fachlicher Kompetenz und öffentlicher Wahrnehmung, zwischen Tradition und Anpassung, zwischen persönlicher Überzeugung und gesellschaftlichem Druck in beide Richtungen. In diesem Spannungsfeld droht Jagd zur Rolle zu werden, die Erwartungen erfüllt, statt innere Orientierung zu geben. Jagdethik wirkt hingegen hier nicht als Regelwerk, sondern als innerer Maßstab, der Orientierung gibt. Sie fragt nicht zuerst nach Rechtfertigung, sondern nach Stimmigkeit. Nicht danach, was erlaubt ist, sondern was getragen werden kann.
Überlieferung prüfen, ohne sie zu verlieren
Jagdkultur lebt von Überlieferung, doch nicht alles, was tradiert ist, bleibt automatisch sinnvoll. Traditionen können Orientierung geben oder Entwicklung verhindern. Verantwortliche Jagd erfordert die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen dem, was Bestand und Substanz hat, und dem, was lediglich fortgeschrieben wird. Diese Prüfung ist kein Bruch mit der Vergangenheit, sie ist Ausdruck von Verantwortung gegenüber Gegenwart und Zukunft.
Jagdethik als leiser Prozess
Jagdethik ist keine laute Disziplin. Sie entsteht nicht im Diskurs allein, sondern im Handeln. In der Art, wie Entscheidungen getroffen werden. In der Bereitschaft, Maß zu halten, auch wenn Effizienz lockt. In der Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, ohne sie vorschnell aufzulösen. Der eigentliche Wandel der Jagd zeigt sich nicht zuerst in Gesetzen oder im öffentlichen Bild, sondern im Selbstverständnis der Jägerinnen und Jäger. Dort entscheidet sich, ob Jagd auch in Zukunft mehr bleibt als eine Funktion.
Nicht, indem sie sich erklärt.
Sondern, indem sie Haltung zeigt.
Quellenhinweise
Judith Sitzmann: Umweltethische Positionen von Akteuren im Wildtiermanagement. Diplomarbeit an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen, 2025 (veröffentlicht über die Universitäts- und Landesbibliothek Innsbruck).
Beitragsfoto: Simone Lechner privat
