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HIRSCH&CO entwickelt aktuell gemeinsam mit der Hochschule Kempten ein wissenschaftlich fundiertes Bildungsangebot für die jagdliche Ausbildung, das sich gezielt mit den Wirkungsmechanismen digitaler Kommunikation auseinandersetzt. Ausgangspunkt ist eine empirische Forschungsarbeit, die zeigt, wie stark Darstellung, Kontext und Rahmung die Wahrnehmung jagdlicher Inhalte beeinflussen und warum Medienkompetenz heute ein zentraler Bestandteil verantwortungsvoller Jagdpraxis ist.
Von der Beobachtung zur wissenschaftlichen Fragestellung
Jagd findet längst nicht mehr ausschließlich im Revier statt. Sie findet auch im öffentlichen Raum statt und dieser öffentliche Raum ist heute zu einem großen Teil digital. Bilder, kurze Videos und Kommentare aus der jagdlichen Praxis verbreiten sich über soziale Medien schnell, emotional und häufig losgelöst vom ursprünglichen Kontext. Inhalte erreichen Menschen, die keinen jagdlichen Hintergrund haben, werden eingeordnet, bewertet, geteilt oder kritisiert – oft ohne Kenntnis ökologischer Zusammenhänge oder jagdlicher Verantwortung.
Diese Entwicklung verändert die Bedingungen, unter denen Jagd gesellschaftlich wahrgenommen wird, grundlegend. Sie stellt Jägerinnen und Jäger, Jagdschulen und Verbände vor neue Herausforderungen: Kommunikation ist nicht mehr kontrollierbar, nicht mehr linear und nicht mehr ausschließlich an ein Fachpublikum gerichtet. Gleichzeitig wirkt jede öffentliche Darstellung – bewusst oder unbewusst – auf Vertrauen, Akzeptanz und Legitimation der Jagd zurück.
Aus dieser Beobachtung heraus entstand die zentrale Fragestellung meiner wissenschaftlichen Arbeit: Wie wirken jagdliche Inhalte in sozialen Medien auf nichtjagende junge Menschen? Und welche Faktoren beeinflussen diese Wirkung? Im Fokus meiner Masterarbeit (Fischer, C. (2024). Masterarbeit.) stand dabei die Wahrnehmung von Erlegerbildern durch die Generation Z. Ziel war nicht, Jagd moralisch zu bewerten, sondern empirisch zu untersuchen, wie unsere Kommunikation wirkt.

Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Wirkung jagdlicher Inhalte nicht eindimensional ist. Sie entsteht im Zusammenspiel von typischen digitalen Mechanismen, die als Verstärker fungieren können: Sie belohnen Emotionalisierung, verkürzen komplexe Zusammenhänge und verschieben Inhalte in neue Deutungsräume.
Ein zentrales theoretisches Modell zur Erklärung der Wirkung medialer Darstellungen ist die Framing-Theorie (Entman, 1993). Sie beschreibt, wie bestimmte Aspekte eines Sachverhalts selektiv hervorgehoben und in einen Deutungsrahmen eingebettet werden. Dieser Frame sorgt dafür, dass Menschen ein und denselben Sachverhalt unterschiedlich verstehen können – auch wenn die Handlung selbst identisch bleibt.
Gerade in digitalen Kommunikationsräumen, in denen Inhalte aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst, neu gerahmt und weiterverbreitet werden, gewinnt Framing besondere Bedeutung. Die Framing-Theorie bietet daher einen wichtigen theoretischen Rahmen, um die empirischen Ergebnisse zur Wahrnehmung jagdlicher Bildkommunikation einzuordnen.
Entscheidend ist dabei nicht das einzelne Bild, sondern das kommunikative Gesamtsetting. Sachlich eingebettete Darstellungen werden anders wahrgenommen als stark inszenierte, stereotype Inhalte.
Fehlender Kontext erhöht das Risiko von Polarisierung, Missverständnissen und Vertrauensverlust, sowohl innerhalb der Jägerschaft als auch gegenüber der Öffentlichkeit.
Diese Erkenntnisse machen eines sehr klar: Jagdkommunikation darf heute nicht allein auf Intuition, Erfahrung oder persönlicher Haltung beruhen. Sie braucht Wissen über Wirkungsmechanismen, über gesellschaftliche Narrative, über emotionale Dynamiken und über die Funktionsweise digitaler Öffentlichkeiten.
👉 Eine Zusammenfassung der Studie ist auf HIRSCH&CO hier öffentlich abrufbar:
Fischer, C. (2024). Masterarbeit
Von der Forschung zur Bildung: Warum ein Onlinekurs entsteht
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse werfen zwangsläufig eine nächste Frage auf: Wie kann dieses Wissen in die jagdliche Praxis und Ausbildung integriert werden?
In der jagdlichen Ausbildungslandschaft zeigt sich hier eine strukturelle Lücke. Viele Jagdschulen und Ausbildungseinrichtungen sind sich der Bedeutung moderner Kommunikation bewusst, verfügen jedoch weder über die zeitlichen Ressourcen noch über die fachliche Spezialisierung, um dieses komplexe Thema in ausreichender Tiefe zu vermitteln. Digitale Kommunikation ist interdisziplinär: Sie berührt Kommunikationswissenschaft, Sozialpsychologie, Medienethik, Diskursforschung und gesellschaftliche Dynamiken. Im regulären Präsenzunterricht ist dies kaum abbildbar.
Genau an dieser Schnittstelle setzt der Onlinekurs „Jagdkommunikation in sozialen Medien“ an. Er versteht sich nicht als Zusatzwissen für wenige, sondern als strukturierte Ergänzung der jagdlichen Ausbildung – zeitlich flexibel, wissenschaftlich fundiert und praxisnah.
Ziel des Kurses ist es, kommunikative Handlungssicherheit aufzubauen. Nicht durch Vorschriften oder starre Regeln, sondern durch einen Sensibilisierungs- und Bewusstseinsprozess.
Die Teilnehmenden sollen verstehen, wie digitale Kommunikation funktioniert, welche Dynamiken sie auslöst und welche Verantwortung damit verbunden ist. Es geht darum, Zusammenhänge zu erkennen, Wirkung einzuordnen und Entscheidungen eigenverantwortlich treffen zu können.
Der Kurs richtet sich an Jagdschülerinnen und Jagdschüler, an aktive Jägerinnen und Jäger, aber ebenso an Ausbildungsstätten und Verbände, die einen einheitlichen, zeitgemäßen Wissensstandard etablieren möchten.
Langfristig verfolgt das Lernmodul das Ziel, im gesamten deutschsprachigen Raum eine konsistente und wissenschaftlich fundierte Basis für Jagdkommunikation zu schaffen.
Wissenschaftliche Entwicklung in Kooperation mit der Hochschule Kempten
Der Onlinekurs entsteht nicht isoliert, sondern in enger Zusammenarbeit mit der Hochschule Kempten, genauer mit dem Institut für Digitale Transformation in Arbeit, Bildung & Gesellschaft. Begleitet wird die Entwicklung durch das Team rund um Prof. Dr. Katrin Winkler, das seit vielen Jahren zu digitaler Bildung, Medienkompetenz und Transformationsprozessen in Ausbildung und Arbeitswelt forscht.
Die Kooperation stellt sicher, dass der Kurs nicht nur auf persönlicher Erfahrung oder Einzelstudien beruht, sondern didaktisch und wissenschaftlich fundiert entwickelt wird. Digitale Kommunikation ist ein hochkomplexes Feld, das weit über jagdliche Praxis hinausreicht. Es berührt Fragen der Medienwirkung, der Sozialpsychologie, der Diskursethik und der digitalen Öffentlichkeit. Genau diese interdisziplinäre Perspektive bringt die Zusammenarbeit mit der Hochschule Kempten in das Projekt ein.
Ziel der gemeinsamen Entwicklung ist es, ein Lernangebot zu schaffen, das wissenschaftliche Erkenntnisse systematisch in die Praxis überführt – verständlich, reflektiert und anschlussfähig für Ausbildungseinrichtungen und Verbände. Der Kurs soll damit nicht nur Wissen vermitteln, sondern einen Bildungsstandard setzen, der langfristig tragfähig ist und sich in bestehende Ausbildungsstrukturen integrieren lässt.
Inhaltlich ist der Kurs modular aufgebaut und verbindet Theorie, empirische Erkenntnisse und praktische Orientierung:
- Modul 1 vermittelt Grundlagen der digitalen Öffentlichkeit: Algorithmen, Filterblasen, Aufmerksamkeitsökonomie und die Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdbild der Jägerschaft.
- Modul 2 widmet sich Polarisierung und gesellschaftlichen Narrativen. Warum polarisiert Jagd? Welche Rollenbilder wirken? Und wie kann Kommunikation deeskalierend gestaltet werden?
- Modul 3 greift direkt die Ergebnisse der Masterarbeit auf und analysiert die Wirkung jagdlicher Bildsprache – insbesondere von Erlegerbildern – auf Basis empirischer Daten.
- Modul 4 stärkt digitale Kompetenzen und Dialogfähigkeit: Umgang mit Kritik, Fake News, Echokammern und emotionalisierten Debatten.
- Modul 5 bietet einen Praxisleitfaden mit Checklisten und Orientierungshilfen für eine reflektierte und verantwortungsvolle Kommunikation.
Der Kurs ist bewusst als Online-Format konzipiert. Damit belastet er bestehende Ausbildungspläne nicht zusätzlich, sondern ergänzt sie sinnvoll. Gleichzeitig ermöglicht er einen einheitlichen Wissensstand unabhängig von Ort, Zeit oder personellen Ressourcen der Ausbildungseinrichtungen.
Die wissenschaftliche Grundlage bildet dabei durchgehend die empirische Forschung. Die Inhalte basieren auf interdisziplinären Ansätzen aus Kommunikationswissenschaft, Medienwirkungsforschung und Sozialpsychologie sowie auf eigener Forschung und langjähriger Erfahrung in der jagdlichen Kommunikation.
Wer Jagd heute öffentlich zeigt, übernimmt Verantwortung.
Dieser Kurs will dabei unterstützen, dieser Verantwortung wissensbasiert, reflektiert und souverän gerecht zu werden.
Erhältlich über diese Webseite ab Mitte 2026.
Quellenverzeichnis:
- Entman, R. M. (1993). Framing: Toward clarification of a fractured paradigm. Journal of Communication, 43(4), 51–58.
Beitragsfoto: istock Photo via pixabay
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